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2004 unternahmen Roscoe Mitchell und Evan Parker ein außergewöhnliches Experiment, als sie die Musiker ihrer eigenen Bands - Mitchells Note Factory und Parkers Electro-Acoustic Ensemble - zu einer Großformation zusammenschlossen. Für dieses Transatlantic Art Ensemble genannte vierzehnköpfige Orchester schrieben die beiden Saxophonisten, die zu den führenden Köpfen der freien Improvisationsszene gehören, dann Kompositionen, die im September 2004 bei einem Konzert in der Münchner Muffathalle aufgeführt wurden. Vor genau einem Jahr legte Roscoe Mitchell mit dem Transatlantic Art Ensemble bei ECM das Album "Composition/Improvisation Nos. 1, 2 & 3" (ECM 1872) vor. Nun erscheint von Evan Parker mit derselben Besetzung das Komplementäralbum "Boustrophedon".
Evan Parkers umfangreiche Diskographie umfaßt über 250 Alben, die er als Leader oder Sideman gemacht hat. Die meisten entstanden für kleine unabhängige Labels, die sich - so wie Evans selbst - auf improvisierte Musik spezialisiert haben. Mit "Boustrophedon" präsentiert Evan Parker nun ein Album, das sich deutlich von allen anderen unterscheidet, an deren Aufnahme er beteiligt war. Denn erstmals stehen hier die kompositorischen Fähigkeiten des Briten im Mittelpunkt. Obwohl Parker die Stücke bis ins Detail auskomponierte und den Musikern spezielle Anweisungen für die Aufführung gab, gewährte er den Instrumentalisten auch "offene Räume" zum eigenständigen Agieren.
Wie klingt diese Musik nun? Der Komponist selbst ordnete sie "irgendwo zwischen Gil Evans und Luigi Nono" ein. Aber das ist natürlich noch nicht alles. "Ich wollte die großen Akkorde, von denen [Nicholas] Slonimsky spricht, verwenden: die sogenannten Großmutterakkorde." Die konventionelle Tonalität herrscht dennoch vor und manchmal tauchen Bezüge zur osteuropäischen Volksmusik auf, "mit einem Pedalton und einer Auswahl von Skalen, die auf diesem Ton basieren". Indem Parker komplexe und archaisch klingende Teile einander gegenüberstellt, meidet er mit stets elektrifizierenden Resultaten "das allgemeine Terrain der Diatonik". Im Begleittext des Albums wird das zentrale Konzept dieses Werks erläutert: Die kurze Overtüre des Ensembles und das vordergründige Schlagzeugspiel von Tani Tabbal und Paul Lytton leiten flink zur ersten der "Furrow"-Kompositionen über, in denen jeder Musiker auf ein transatlantisches Gegenüber trifft. "Furrow 1" stellt Neil Metcalfes Flöte das Klavier von Craig Taborn gegenüber (das bei der weiteren Entwicklung des Werks eine besonders wichtige Rolle spielt). "Furrow 2" präsentiert den Violinisten Phil Wachsmann und den Violaspieler Nils Bultmann in wunderbaren Dialogen, die sich bis in "Furrow 3" hineinziehen. "Furrow 3" featuret wiederum den aus Brasilien stammenden, aber seit langem in England lebenden Cellisten Márcio Mattos und den amerikanisch-norwegischen Saxophonisten Anders Svanoe. Svanoes Solo wird von dichtem, aufwühlendem Ensemblespiel zu einem Höhepunkt getragen. In "Furrow 4" treten John Rangecrofts Klarinette und Corey Wilkes' Trompete in den Vordergrund, während "Furrow 5" mit dynamische Meditationen der beiden Bassisten Jaribu Shahid und Barry Guy aufwartet - zunächst in Isolation, dann inmitten von zunehmend turbulenterem Ensemblespiel. Das emotional kraftvolle "Furrow 6" bietet schließlich Soli von Evan Parker und Roscoe Mitchell, die stürmisch zum Finale führen, das mit massiven Akkorden und blitzschnellen Kadenzen einen fulminanten Abschluß bildet. Nacheinander kommen Jaribu Shahid, Neil Metcalfe, Anders Svanoe, Philipp Wachsmann, Craig Taborn, Marcio Mattos, Nils Bultmann, John Rangecroft, Corey Wilkes, Barry Guy und Roscoe Mitchell "zu Wort".
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