|
Musik aus Norwegen hat wohl noch nie so sehr im Scheinwerferlicht der Medien gestanden wie heute. Plötzlich scheint alles, was aus dem hohen Norden Europas kommt, en vogue zu sein. Moden aber kommen und gehen. Den wirklichen Wert eines Künstlers und seiner Musik kennt man jedoch erst nach Jahren.
Bis heute gibt es kein Label, das für sich in Anspruch nehmen kann, mehr für die internationale Förderung norwegischer Musiktalente getan zu haben als ECM Records. Seit das in München ansässige Label vor 33 Jahren Jan Garbarek und Terje Rypdal der internationalen Öffentlichkeit vorstellte, hat es immer wieder neue norwegische Künstler lanciert. Nun macht es uns mit dem neuen Christian Wallumrød Ensemble bekannt.
Sein erstes ECM-Album spielte Pianist Christian Wallumrød indes schon vor sechs Jahren ein. "No Birch" (ECM 1628) war ein introvertiertes Trio-Album (mit Arve Henriksen und Percussionist Hans-Kristian Kjos Sørensen), das damals sehr positive Kritiken erhielt: "Eine wirkliche Entdeckung" (Stereo), "transparent und doch eindeutig... Szenen einer inneren Landschaft, ohne jegliche Spur von Nostalgie" (Die Zeit), "eine entrückte Psalm-ähnliche Qualität untermauert häufig das vorzüglich konzentrierte Zusammenspiel der drei" (Jazz Journal). Auf dem im vergangenen Jahr veröffentlichten ECM-Album "The Source & Different Cikadas" war Wallumrød als einer der musikalischen Gäste Trygve Seims.
Das neue Christian Wallumrød Ensemble kam auf Initiative des ECM-Produzenten Manfred Eicher zusatnde. Er führte den Pianisten und dessen langjährige musikalische Partner Arve Henriksen und Per Oddvar Johansen mit Nils Økland, Norwegens herausragendem Folk-Fiddler, zusammen. Zum einzigartigen Charme dieses Albums (das in der mit einer exzellenten Akustiuk ausgestatteten Osloer Sofienberg-Kirche aufgenommen wurde) trägt bei, wie der sehr persönliche und intime Klang der Trompete Henriksens und Øklands folkloristischen Phrasierungen miteinander verschmelzen.
Die Kompositionen stammen allesamt von Session-Leader Wallumrød, der als Inspirationsquellen Paul Bley und György Kürtág zitiert, zwei Meister der aphoristischen Form. Seine subtilen Stücke inspirieren die Musiker zu beredten Soli. Eine musikalische Seelenverwandschaft besteht auch zu Ketil Bjørnstads Band The Sea, denn Wallumrød ist - wie Bjørnstad - kein exhibitionistischer Solist, sondern ein Bandleader, der mit seinen Kompositionen einen atmosphärischen Rahmen schafft, in dem sich die Mitmusiker frei bewegen können.
Nils Økland ist in Norwegen und darüberhinaus als Erneuerer der Folktradition bekannt. Er ist auch ein Experte in alter Musik und hat besonders intensiv die Musik des virtuosen böhmischen Violinisten und Komponisten Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704) studiert, der sein Interesse für unkonventionelle Instrumentstimmungen und die Improvisation entfachte.
Arve Henriksen wird derzeit von vielen als einer der interessantesten jungen Musiker Norwegens gehandelt. Inspiriert durch japanische Shakuhachi-Flötisten, aber auch die sanften, intimen Phrasierungen von Chet Baker und dem Miles Davis der "Birth Of The Cool"-Ära entwickelte er seinen sehr vokalen Trompetenton. Henriksen, der letztes Jahr bei Rune Grammofon/ECM Records sein Soloalbum "Sakuteiki" veröffentlichte, konnte man in letzter Zeit u.a. mit den Elektro-Improvisatoren von Supersilent, den Post-Punk-Rockern von Motorpsycho, Jon Balkes Magnetic North Orchestra sowie den Bands von Iain Bellamy, Audun Kleive und Trygve Seim hören.
Tenorsaxophonist Trygve Seim war als Gastsolist an der Einspielung dreier Titel von "Sofienberg Variations" beteiligt. Seim ist ein weiterer wichtiger Musiker des Trondheimer Zirkels und veröffentlichte bereits zwei eigene Alben bei ECM: sein ECM-Debüt "Different Rivers" (ECM 1744) wurde von deutschen Kritikern zum Jazzalbum des Jahres ernannt und erhielt den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik
|