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Mit seinem Solodebütalbum "Chartres" etablierte sich der Schweizer Violinist Paul Giger 1988 auf Anhieb nicht nur als eigenwilliger Improvisationskünstler und Komponist, sondern auch als Meister einer ziemlich unorthodoxen, weitgespannten Technik. Diese umfaßt Obertonspiel, mikrotonale Systeme, außergewöhnliche Instrumentstimmungen und einen einzigartigen Sinn für das Erkunden der räumlichen Dimensionen von Spiel- und Aufnahmestätten. Die Architektur dieser Orte beeinflußte bei Gigers Darbietungen zu einem gewissen Teil auch immer die Architektur seiner Musik.
Die meisten der seitdem entstandenen Einspielungen Gigers waren Soloaufnahmen. Im Laufe der Jahre hat er aber auch mit einer ganzen Reihe anderer Musiker zusammengearbeitet und für ECM zum Beispiel Alben mit Jan Garbarek und Pierre Favre ("Alpstein") sowie Tõnu Kaljuste und dem Estonian Philharmonic Chamber Choir ("Ignis") gemacht. Es gab außerdem Zusammenarbeiten mit dem Hilliard Ensemble, dem Rahmentrommler Glen Velez, der Cellistin Marie-Louise Dähler, dem Neuen Appenzeller Quintett und anderen. Nun kann man dieser Liste noch das neue Trio von Paul Giger hinzufügen. Auf "Vindonissa", seinem fünften ECM-Album, gesellen sich zu Paul Giger zwei Musiker, die nicht weniger talentiert und genauso freigeistig sind wie er: der amerikanische Flöten-Virtuose Robert Dick und der japanische Perkussionist Satoshi Takeishi.
Alle drei Musiker sind weitgereist und beziehen in ihrem Spiel Erfahrungen aus zahlreichen anderen Kulturkreisen und verschiedenen Epochen ein. Gigers selbst spielte viel Barockmusik und zeitgenössische Kompositionen, ist bestens mit Jazz und diversen Volksmusikstilen vertraut und bereiste etliche Jahre lang ganz Asien. Satoshi Takeishi verfügt nicht nur über eine fernöstliche Zen-Sensibilität, sondern kann auch mit tiefgreifenden Kenntnissen des Jazz und selbst weniger bekannter lateinamerikanischer Stile aufwarten. Der exzellente Flötist Robert Dick wiederum ist in der klassischen Musik genauso Zuhause wie in der freien Improvisation und dem neuen Jazz.
Jede von Gigers ECM-Aufnahmen erkundet ein bestimmtes musikalisches Terrain, wirft ein neues Licht entweder auf die Improvisation oder die Komposition oder gar auf beides. Sein letztes, vor vier Jahren erschienenes ECM-Album "Ignis" war zum Teil von der Musik Hildegard von Bingens inspiriert. "Vindonissa" erinnert vom Naturell her am ehesten an "Alpstein": Mit seinem Trio begibt sich Paul Giger auf improvisierten Schleichpfaden in das Universum der sogenannten Weltmusik. Der stilistische Bogen ist diesmal nur noch wesentlich weiter gespannt.
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