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Ex oriente lux - das Licht kommt aus dem Osten. Damit ist nicht nur der Sonnenaufgang gemeint, sondern auch der Orient als Wiege abendländischer Kultur. Drei Neuerscheinungen bei ECM New Series konzentrieren den Blick auf das Licht der Klänge, die im 20. Jahrhundert aus Russland kommen - und bereiten damit Hörlust pur: Igor Stravinsky, ein Schwerpunkt im ECM-Frühjahr, schlägt Brücken zwischen Ost und West. Der 61jährige Russe Alexander Knaifel zeigt in seinen Werken der 90er Jahre, wie er die Erkenntnisse der Neuen Musik aufgenommen hat und mit seiner Individualität neu formuliert. Und so entschieden wie kaum einer lebt er in der Liturgie der russisch-orthodoxen Kirche.
So erschienen bei ECM New Series bereits Knaifels "Lux aeterna" (465 3412) und "Svete Tikhiy" (461 8142), deren Titel buchstäblich das Licht benennen und biblisch-liturgische Texte verarbeiten. In der Frühjahrs-Novität "Amicta Sole" aber geht der studierte Cellist Knaifel ganz ungewöhnliche Wege. "Psalm 51" für Cello solo ordnet den in höchsten, "lichten" Höhen einsetzenden Solo-Linien unausgesprochen Silbe für Silbe die Worte des Psalms zu. Das Stück ist Mstislav Rostropovich gewidmet, dem großen alten Meister des Cellos, der diese Linien bis in die kleinste Nuance luzide schimmern lässt. Ebenso im Titelwerk "Amicta Sole" (= "mit der Sonne bekleidet", Offenbarung 12,1) für Solo-Sopran, Knabensolisten und Orchester: Hier sollen die Instrumente die geistlichen Texte "singen, als ertönten sie wirklich". Himmlische Klänge, Licht-Musik, in großer Schönheit dargeboten von Tatiana Melentieva, Solisten des Glinka Choral College und dem State Hermitage Orchestra unter Arkady Shteinlukht in einer St. Petersburger Produktion.
Demgegenüber steht Stravinsky wie ein Weiser des 20. Jahrhunderts, der Weisheit und Wegweisung bietet. Er jongliert so überlegt wie überlegen mit der Tradition, dass die Konfrontation "Stravinsky/Bach" programmatisch zu hören ist. Leonidas Kavakos, Violine, und Péter Nagy, Klavier, spielen das grandiose "Duo Concertant" (1932) und die mit Pergolesi und "Pulcinella" gesättigte "Suite Italienne" (1933), Kavakos Bachs Solo-Partita und -Sonate No.1 (BWV 1002/1001) mit so viel Leidenschaft und auch Klarheit, dass rhythmische Spannung und motivische Verknüpfung, tänzerische und rationale Elemente wie eben neu entdeckt sich vibrierend mitteilen. In den "Orchestral Works" ist es das Stuttgarter Kammerorchester unter Dennis Russell Davies, das Stravinskys vielfältige Facetten aufleuchten lässt: die archaisch-innovative Huldigung "Monumentum pro Gesualdo di Venosa" (1960), die spielerischen "Danses Concertantes" (1942), das markante "Concerto in D" (1946), die subtil durchgearbeitete Ballettmusik "Apollon Musagète" (1927). Russell Davies und sein Orchester bringen diese Stücke dicht aber dennoch klar zum Klingen und elektrisieren damit Stravinskys subtile Satzkunst - und den Hörer.
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