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Kennern der Filmmusikszene ist der Name des Amerikaners Michael Galasso vielleicht geläufig. Auch im Zirkel der klassischen Avantgarde ist der von John Cage beeinflußte Komponist und Violinist dank der häufigen Zusammenarbeit mit dem Theater- und Opernregisseur Robert Wilson ("The CIVIL warS") ganz und gar kein Unbekannter. Im Bereich des Jazz erregte Michael Galasso indes bislang nur einmal Aufmerksamkeit, als er 1982 bei ECM sein Soloalbum "Scenes" herausbrachte. Nun meldet er sich mit einem zweiten Album zurück, das er gemeinsam mit dem norwegischen Gitarristen Terje Rypdal, dem klassischen Kontrabassisten Marc Marder und dem Latin-Percussionisten Frank Colón aufgenommen hat. So ungewöhnlich wie die Besetzung ist auch die Musik dieses Albums.
Michael Galasso wuchs in Lousiana in einer musikalischen Familie auf. Sein Konzertdebüt als Soloviolinist gab er im Alter von elf Jahren mit dem New Orleans Philharmonic Orchestra. Während er sich anfangs vor allem für Barockmusik begeisterte, entwickelte er sich in seiner Teenager-Zeit zu einem glühenden Anhänger moderner amerikanischer Komponisten vom Schlage Roger Sessions' oder Walter Pistons, bis er als Achtzehnjähriger den ikonoklastischen John Cage kennenlernte und seine musikalischen Prioritäten einmal mehr änderte. Zur gleichen Zeit vertiefte er sich aber auch mit Eifer in die Klänge des ländlichen Lousiana: den Blues, Cajun- und Zydecomusik. Irgendwann kam er auf die verwegene Idee, aus all diesen so unterschiedlichen Musikstilen, die ihn seit seiner Kindheit geprägt hatten, seine eigene Musik zu formen. Zu seinen ersten Improvisationsversuchen ermunterte ihn übrigens kein anderer als Ellis Marsalis, der Patriarch des Marsalis-Clans.
1972 ging Michael Galasso nach Europa, wo er zufällig den revolutionären Dramatiker Robert Wilson kennenlernte. Diese Begegnung sollte eine tiefgreifende Auswirkung auf die Werke beider haben. Galasso etablierte sich in Wilsons Bühnenstücken nicht nur sofort als Musiker, Schauspieler und Tänzer, sondern sorgte auch dafür, daß die Musik in Wilsons Werken einen immer größeren Stellenwert erhielt. Galasso schrieb für Wilson weitaus mehr Musik als jeder andere Komponist - die Zusammenarbeit begann 1972 in Paris mit "Ouverture" und wird bis heute fortgesetzt. Die vorerst letzte Kollaboration der beiden war eine "Peer Gynt"-Aufführung, die am 19. Februar 2005 in Oslo Premiere.
Unzählige Reisen, in oder ohne Wilsons Gesellschaft, brachten Galasso in Kontakt mit Musikern der unterschiedlichsten Kulturen. Schon in den 70ern erlag er insbesondere der Faszination nahöstlicher Musik und studierte diese eine Zeitlang im Iran. Diese Erfahrungen gaben ihm einen entscheidenden Impetus beim Schreiben eigener Kompositionen. Seither strebt er nach einer "melodischem und rhythmischen Synthese", um seine Liebe zur Barockmusik sowohl mit seinem amerikanischen Musikerbe als auch mit traditionellen iranischen und mittelasiatischen Klängen verknüpfen zu können.
Kurzum: es gibt niemanden, dessen Werke so klingen wie die Michael Galassos. Immer mehr Filmmacher haben sich an Galasso gewandt, um seine anspielungsreichen Klangfarben zur Untermalung ihrer Filme zu benutzen. Wong Kar-wais "In The Mood For Love" ist lediglich eines der letzten erfolgreichen Beispiele dafür. Ein paar der Stücke von "High Lines" verweisen sowohl auf die Musik, die Galsso für den preisgekrönten Film "Secret Ballot" des iranischen Regisseur Babak Payami schrieb, als auch auf die Musik, die er für Robert Wilsons 2002 gefertigte Theaterproduktion des Stummfilms "The Cabinet Of Doktor Caligari" komponierte. Aber für die vorliegende Einspielung wurde alles grundlegend überarbeitet, vor allem wegen der eruptiven Spielweise Terje Rypdals. "Diese Stücke gehen in eine vollkommen neue Richtung", meint Galasso. "Ich habe hier verschiedene Spielweisen auf meiner Geige ausprobiert, und Terjes Individualität gibt den Stücken auch einen komplett neuen Charakter."
Rypdal ist bekanntlich ein ECM-Musiker der ersten Stunde. Seit er vor 35 Jahren auf Jan Garbareks "Afric Pepperbird" (ECM 1007) seinen Einstand bei ECM gab, hat er für das Label kontinuierlich Aufnahmen unter eigenem Namen oder mit anderen Künstlern eingespielt. In den Linernotes seiner Anthologie "Selected Recordings", die im Rahmen der ":rarum"-Reihe (ECM rarum 8007) erschienen ist, merkte er an: "Meine Zeit mit ECM umfaßt jetzt schon eine Lebenszeit."
Der Vorschlag, Terje Rypdal zu diesen Sessions einzuladen, kam von Produzent Manfred Eicher. Galasso selbst brachte zwei Musiker mit, mit denen er schon oft zusammengearbeitet hat: den in Washington geborenen und in Paris lebenden Bassisten Marc Marder (der - wie Galasso - über reichlich Erfahrung in den unterschiedlichsten musikalischen Kontexten verfügt) und den in Puerto Rico aufgewachsenen Perkussionisten Frank Colón.
Marder arbeitete unter der Leitung von Pierre Boulez mit dem bekannten Ensemble InterContemporain, spielte mit Klassikgrößen wie Yo-Yo Ma oder Gidon Kremer Kammermusik, mit dem Franzosen Richard Galliano jazzigen Tango und mit Wasis Diop afrikanische Musik, machte sich aber auch als Komponist von Film-Soundtracks einen Namen. Frank Colóns schier unüberschaubare Diskographie enthält u.a Aufnahmen mit so unterschiedlichen Künstlern wie Weather Report, Chet Baker, Aretha Franklin, Milton Nascimento und George Clinton.
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