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"Vossabrygg" entstand 2003 als Auftragsarbeit für das Vossa Jazz Festival und bedeutet wörtlich übersetzt "Vossa-Gebräu". Anfangs verleitete der Titel damals einige lokale Bierbrauereien zur irrigen Annahme, daß Terje Rypdal ihren hochprozentigen Produkten mit diesem Stück Tribut zollen wolle ("Einen Moment lang war ich ein Lokalheld", erinnert sich Rypdal amüsiert), aber der Jazzfan ahnt natürlich schon, daß das "Gebräu" im Titel eine Anspielung auf Miles Davis' "Bitches Brew" sein soll.
Das 1969 von Miles aufgenommene Doppelalbum "Bitches Brew" hatte einen tiefgreifenden Einfluß auf die weitere Entwicklung des Jazz und ist nicht nur für Rypdal ein Album von bleibender Bedeutung. In "Ghostdancing", der Eröffnungsnummer von Rypdals Opus 84, kommen gestalterische Elemente aus Miles' elektrischer Ära zum Einsatz: schimmernde Fender-Rhodes-Klänge, fette Hammond-Orgel-Sounds, pumpende Baß-Ostinati und mosaikartige, vom Rock beeinflußte Drum-Patterns - sowie ein Zitat von Joe Zawinuls "Pharoah's Dance", das einen erstmals mit den seinerzeit revolutionären Konzepten von Miles bekanntmachte. In diese wohlbekannte Klangwelt treten zwei ausdrucksstarke Solisten: Terje Rypdal selbst und sein oftmaliger musikalischer Partner, der dänische Trompeter Palle Mikkelborg. Es sei daran erinnert, daß Miles selbst 1985 Mikkelborgs epische Komposition "Aura" aufnahm und das Stück später in seiner Autobiographie als "ein Meisterwerk" bezeichnete. "Miles und Palle waren Freunde", merkt Rypdal an. "Also brauchte ich nicht lange zu überlegen, welchen Trompeter ich für ein von Miles inspiriertes Projekt engagieren müßte." Das achtzehneinhalbminütige "Ghostdancing" wird insbesondere langjährige Fans von Rypdals ECM-Werken erfreuen, da der norwegische Gitarrist mit ihm an seine frühesten Aufnahmen für das Münchner Label anknüpft. Aufnahmen, die damals auch eine neue musikalische Marschrichtung vorgaben, indem sie Miles' Kunst als Vorlage nahmen. Doch "Ghostdancing" ist nur der erste Akt von Rypdals neuestem Opus. "Vossabrygg" reflektiert auf vielfältige Weise, wie sich Rock und Jazz im Laufe der Jahre immer wieder gegenseitig beeinflußten. Dies ist Musik mit einer komplexen Geschichte - gespielt von einer Band, deren Mitglieder nicht unerheblich zur Entwicklung dieser Geschichte beigetragen haben.
Keyboarder Ståle Storløkken ist beispielsweise sowohl Mitglied der populären Elektro-Improvisations-/Noise-Rock-Gruppe Supersilent als auch von Rypdals "Skywards"-Band (die übrigens dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert). In jüngster Zeit ist auch Rypdal gelegentlich mit Supersilent aufgetreten und übt dabei auch Einfluß auf eine jüngere Generation von frei improvisierenden Musikern aus.
Bugge Wesseltoft konnte man das erste Mal vor 15 Jahren auf einem ECM-Album hören, als er Mitglied der Jan Garbarek Group war, die das Album "I Took Up The Runes" einspielte. Mit seiner eigenen Band New Conception Of Jazz gelang Wesseltoft in den letzten Jahren eine der eindrucksvollsten Fusionen von improvisierter und elektronischer Musik. "Es freut mich besonders, daß Bugge und Ståle mit ihrem ganzen Keyboard-Arsenal bei mir mitspielen. Auch das erinnert mich nämlich sehr an die 'Bitches Brew'-Tradition."
Der gebürtige Italiener Paolo Vinaccia hat schon vor über 25 Jahren seine Zelte in Oslo aufgeschlagen und ist längst eine Art Ehrenmitglied der norwegischen Improvisationsszene. Er wirkte schon auf ECM-Alben von Arild Andersen ("Elektra" und "Hyperborean") und Rypdal ("Skywards", wo er - wie hier auch - mit Jon Christensen zusammenspielte) mit, trug aber auch zum Gelingen einiger Projekte von Bugge Wesseltoft bei. Sein härterer, schwererer Beat kontrastiert sehr effektiv mit Christensens freierem und ungebundenerem.
Christensen ist fraglos einer der versiertesten, agilsten und prägendsten Jazzschlagzeuger der nördlichen Hemisphäre. Er spielte auf Dutzenden von ECM-Alben mit und begleitete nicht nur so ziemlich alle bekannten skandinavischen Jazzer, sondern auch internationale Musiker von Keith Jarrett bis Miroslav Vitous und von Dino Saluzzi bis L. Shankar. Er arbeitete schon mit Rypdal zusammen, bevor das ECM-Label überhaupt aus der Taufe gehoben wurde, und setzte die produktive musikalische Beziehung mit dem Gitarristen bis in die Gegenwart fort. Mit Rypdal spielte Christensen nicht nur immer wieder in dessen Bands, sondern auch in Ketil Bjørnstads populärer Band The Sea. Zu den letzten ECM-Alben, auf denen Christensen zu erleben war, gehören "Evening Falls" von der Jacob Young Group, Dino Saluzzis "Senderos" und eine unter Jon Christensens Namen erschienene "Selected Signs"-Compilation in der ":rarum"-Reihe.
Die elektrisch verstärkten und akustischen Bässe bedient Bjørn Kjellemyr, den Rypdal-Fans sicherlich noch von der "Chasers"-Band kennen. Kjellmyr ist ein ungeheuer beschlagener Musiker, der in Rolf Lislevands Ensemble auch sehr einfallsreich und behende über Musik aus dem 17. Jahrhundert improvisiert. Der Bassist wird auch auf Lislevands bald erscheinendem ECM-New Series-Album "Nuove Musiche" zu hören sein.
Koautor von drei Stücken dieses Albums - "Hidden Chapter", "Incognito Traveller" und "Jungeltelegrafen" - ist Marius Rypdal, Terjes Sohn, der hiermit seinen Einstand bei ECM gibt. Marius, der für die Überleitungen zwischen den einzelnen Stücken dieser Auftragsarbeit verantwortlich zeichnete, arbeitet mit elektronischen Geräten und Samples. Interessanterweise stammen sämtliche Samples von Terje Rypdals eigenen Aufnahmen, vor allem von "Ineo op. 29" (erschienen auf dem Album "Undisonus") und "Fifth Symphony" (vom Album "Double Concerto/Fifth Symphony). "Bei den Samples von 'Ineo' improvisierte ich über meine eigene Chor-Komposition, was ich vorher noch nie getan hatte. Ich glaube, dabei kam es zu einigen sehr interessanten klanglichen Kontrasten", meint Terje Rypdal. "Ich mag es auch ganz besonders, wie Marius die Akkorde der 'Fifth Symphony' ins Spiel bringt." Marius Rypdal ist in Norwegen selber als Schlagzeuger, Perkussionist, Keyboarder und Elektronikspieler sowie als DJ aktiv. Er spielt mit den Gruppen Love Thugs sowie Ravi & Løv Orkester und leitet eine eigene Electronica/Dub-Band namens Chilinuts. Gemeinsam mit seinem Vater editierte und remixte er auch die vom norwegischen Rundfunk beim Vossa Jazz Festival mitgeschnittenen Live-Aufnahmen, die nun hier auf dem Album "Vossabrygg" vorliegen.
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