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Kafka-Fragmente, Op.24

Sopran: Juliane Banse
Violine: Andras Keller

Veröffentlichungsdatum: 14.02.2006
CD Bestellnr.: 0028947630999 | ECM Records

Am 19. Februar feierte der Komponist György Kurtág seinen 80. Geburtstag. Ihm zu Ehren veranstaltete das Budapest Music Center ein mehrtägiges Festival in der ungarischen Hauptstadt. Zu den Höhepunkten der Veranstaltung gehörte ein Konzert des Geigers András Keller mit der Sopranistin Juliane Banse. Sie widmeten sich den "Kafka-Fragmenten, op. 24" und präsentierten damit gleichzeitig die Neueinspielung des Werkes für die ECM New Series der Öffentlichkeit.

Franz Kafka war sich seiner selbst nicht sicher. Deshalb schrieb er nicht nur Erzählungen, Romane, sondern notierte auch viele seiner Regungen und Beobachtungen für sich privat und für einige enge Freunde. Er zweifelte, verzweifelte an sich selbst und der Welt, an der eigenen Unfähigkeit, sich fest zu binden, an der dichterischen und sozialen Kompetenz, nicht zuletzt auch an seiner Nachgiebigkeit den Ansprüchen seiner Umwelt gegenüber. Prompt und im Krankheitsbild passend starb er an der Schwindsucht, obschon eine Infektionskrankheit, so doch eine, die eine Art der Selbstauflösung der Person darstellte. Seinen Freund Max Brod wies Kafka an, alle Aufzeichnungen aus seiner Feder zu vernichten, was dieser aber nicht übers Herz brachte. Im Gegenteil, er stellte unter dem Titel "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande" sogar kurze und private Texte unter anderem aus Tagebüchern und Briefen zusammen, die vom Autor nie für die Veröffentlichung freigegeben worden wären. Die literarische, stellenweise journalistische Qualität dieser Skizzen jedoch gab ihm Recht. Sie sind Schlaglichter der psychologisierenden Moderne von einer stellenweise erschreckenden poetischen Präzision, die tiefe Spuren in Menschen hinterlassen können, die einmal mit ihnen in Berührung gekommen sind. György Kurtág, selbst zwei Jahre nach Kafkas Tod im heute rumänischen Lugoj geboren, kam zum ersten Mal über seinen Komponistenkollegen György Ligeti mit Werken von Franz Kafka in Kontakt, zunächst ohne große Folgen. Schließlich war es jedoch die Erzählung "Die Verwandlung", die in den späten Fünfzigern neues Interesse aufkeimen ließ und in Kurtág eine Faszination entfachte, die seitdem nicht nachgelassen hat.

So machte er sich immer wieder Notizen zu einzelnen literarischen Motiven, die er für komponierbar hielt. Mitte der Achtziger dann verdichteten die Ideen sich derart, dass Kurtág sie für Violine und Sopranstimmen auszuarbeiten begann. Denn die Anziehungskraft dieser Aphorismen und teilweise nur hingeworfenen Beobachtungen war für den Komponisten enorm: "Ihre Welt aus knappen Sprachformeln, erfüllt von Trauer, Verzweiflung und Humor, Hintersinn und so vielem zugleich ließ mich für anderthalb Jahre nicht mehr los", erinnert sich Kurtág an den Schaffensprozess. So entstand aus einer Vielzahl einzelner Impulse heraus sein fünfter Vokalzyklus, die "Kafka-Fragmente, op. 24", die András Keller gemeinsam mit Adrienne Csengery 1987 bei den Tagen für neue Kammermusik in Witten uraufführte. Die vierzigteilige Komposition wurde seitdem behutsam überarbeitet und so machte es Sinn, sie noch einmal unter möglichst idealen Bedingungen auf CD festzuhalten.

Die Aufnahmen entstanden im September 2005 im Reitstadel Neumarkt unter der Leitung des Komponisten und garantieren auf diese Weise ein Höchstmaß an interpretatorischer Authentizität. Denn Kurtág gehört zu den in besonderem Maße kritischen Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik, die keine Unsauberkeiten - und seien sie noch so beiläufig - durchgehen lässt. Schon deshalb reiht sich die anlässlich seines 80. Geburtstages veröffentlichte Einspielung der "Kafka-Fragmente" auf höchstem Niveau in die Serie der Werke ein, die seit dem Anfang der Zusammenarbeit mit "Hommage à R. Sch." (1995) mit ECM New Series das Oeuvre des anspruchsvollen Meisters begleiten und dokumentieren.


Tracklisting:

Kafka-Fragmente, Op.24
1. Die Guten gehn im gleichen Schritt... 01:14 Universal Music
2. Wie ein Weg im Herbst 00:40 Universal Music
3. Verstecke 00:24 Universal Music
4. Ruhelos 00:33 Universal Music
5. Berceuse 1 01:00 Universal Music
6. Nimmermehr 01:30 Universal Music
7. Wenn er mich immer frägt 00:35 Universal Music
8. Es zupft mich jemand am Kleid 00:14 Universal Music
9. Die Weißnäherinnen 00:23 Universal Music
10. Szene am Bahnhof 00:23 Universal Music
11. Sonntag, den 19. Juli 1910 (Berceuse 2) 01:16 Universal Music
12. Meine Ohrmuschel... 00:19 Universal Music
13. Einmal brach ich mir das Bein 00:47 Universal Music
14. Umpanzert 00:29 Universal Music
15. Zwei Spazierstöcke 01:17 Universal Music
16. Keine Rückkehr 01:15 Universal Music
17. Stolz 00:47 Universal Music
18. Träumend hing die Blume 02:21 Universal Music
19. Nichts dergleichen 01:16 Universal Music
Kafka-Fragmente, Op.24
20. Der wahre Weg 07:21 Universal Music
Kafka-Fragmente, Op.24
21. Haben? Sein? 00:47 Universal Music
22. Der Coitus als Bestrafung 00:36 Universal Music
23. Meine Festung 01:03 Universal Music
24. Schmutzig bin ich, Milena... 01:45 Universal Music
25. Elendes Leben 00:21 Universal Music
26. Der begrenzte Kreis 00:36 Universal Music
27. Ziel, Weg, Zögern 00:48 Universal Music
28. So fest 00:53 Universal Music
29. Penetrant jüdisch 00:30 Universal Music
30. Verstecke 01:13 Universal Music
31. Staunend sahen wir das große Pferd 02:47 Universal Music
32. Szene in der Elektrischen 03:50 Universal Music
Kafka-Fragmente, Op.24
33. Zu spät 03:37
34. Eine lange Geschichte 01:00
35. In Memoriam Robert Klein 00:45
36. Aus einem alten Notizbuch 01:01
37. Leoparden 02:10
38. Im Memoriam Joannis Pilinszky 02:48
39. Wiederum, wiederum 01:44
40. Es blendete uns die Mondnacht 06:17