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Das "Change Of Heart"-Projekt des englischen Saxophonisten Martin Speake nahm seinen Anfang, als dieser 1993 dem von ihm seit langem bewunderten amerikanischen Schlagzeuger Paul Motian (Speake nennt Motians Trio mit Bill Frisell und Joe Lovano seine "Lieblingsband im Jazz") ein paar eigene Arbeiten zuschickte. Paul reagierte mit Enthusiasmus, und im Nu wurde eine gemeinsame Tournee durch Großbritannien organisiert, bei der auch Bassist Mick Hutton mit von der Partie sein sollte. Die damalige Band spielte sowohl Stücke von Speake als auch von Motian und begeisterte die heimische Presse.
Als Speake im Jahr 2000 für das Cheltenham Jazz Festival eine Kompositionsauftrag erhielt, holte er den schwedischen Pianisten Bobo Stenson in das Ensemble und schrieb das neue Material so, daß es Stensons Konzeption von Jazz ebenso gerecht wurde wie der von Motian. Dabei betonte Speake die "Bedeutung von Melodie, Reflektion, Interaktion und starken Grooves in der Musik. Das improvisatorische Engagement ist ein Bindeglied zwischen den einzelnen Bandmitgliedern." Motian und Stenson, die noch nie zuvor miteinander gespielt hatten, harmonierten so prächtig, daß der Schlagzeuger später auch zur Band des schwedischen Pianisten stieß und mit dieser 2004 das Album "Goodbye" (ECM 1904) aufnahm. Das Quartett unternahm zwei Tourneen durch Großbritannien, bevor es im April 2002 nach Oslo reiste, um dort unter Manfred Eichers Direktion "Change Of Heart" aufzunehmen. Neben Speakes ausgezeichneten Kompositionen gibt die Interaktion zwischen Stensons wogendem Piano und Motians unberechenbarem Schlagzeug dieser Gruppe den einzigartigen Impetus. Aber auch Bassist Mick Hutton hat seine starken Momente. Wenn er die Musik "erdet" oder ihr eine emotionale Unterströmung verleiht, erinnert sein Baßspiel gelegentlich an das Charlie Hadens. Das schnittige Altsaxophon des Session-Leaders kreist über diesen turbulenten Wellen, die seine Kameraden aufwerfen. Der 1958 in Barnet/London geborene Martin Speake begann mit sechzehn Jahren, ursprünglich inspiriert durch Ornette Coleman, Saxophon zu spielen. In kompositorischer Hinsicht wurde er auch von Keith Jarrett beeinflußt. In den frühen 80er Jahren war er ein Gründungsmitglied des sehr populären und mit zahlreichen Preisen (u.a. Deutscher Schallplattenpreis, Wire Award, Schlitz Jazz Sounds Prize) ausgezeichneten Saxophonquartetts Itchy Fingers, das durch die ganze Welt tourte und zwischen 1987 und 1993 je zwei Alben für Virgin Records und ENJA Records aufnahm - das erste, "Quark", 1987 mit McCoy Tyner als Gast, das zweite, "Teranga", 1988 mit Airto Moreira. Danach arbeitete Speake mit Django Bates, Stan Tracey und anderen Größen der Londoner Jazzszene und spielte zehn Alben unter eigenem Namen ein, auf denen er sich als ungemein flexibler Stilist präsentierte. Zu seinen letzten Projekten zählen Auftritte mit neuarrangierten Charlie-Parker-Songs, Duo-Konzerte mit dem Bad-Plus-Pianisten Ethan Iverson und Kollaborationen mit indischen Musikern. Der 62jährige Bobo Stenson ist wohl der international bekannteste und am meisten angesehene moderne Jazzpianist Schwedens. Gleich am Anfang seiner Laufbahn in den späten 60er Jahren spielte Stenson in Schweden mit durchreisenden oder dort residierenden amerikanischen Musikern wie Sonny Rollins, Dexter Gordon, Stan Getz und Gary Burton zusammen. Damals freundete er sich auch mit dem Trompeter Don Cherry an, mit dem er bis zu dessen Tod im Jahre 1995 immer wieder den kreativen Austausch suchte (das letzte gemeinsame Album der beiden war 1993 "Dona Nostra" für ECM). Seine ersten Aufnahmen für das ECM-Label machte Bobo Stenson 1971 als Sideman von Jan Garbarek ("Sart") und mit seinem eigenen Trio mit Arild Andersen und Jon Christensen ("Underwear"). In den Mittsiebzigern war das Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet eine der meistgefeierten Bands bei europäischen Jazzfestivals. Das Quartett spielte mit "Witchi-Tai-To" und "Dansere" zwei grandiose Klassiker für ECM ein. Von 1988 bis 1997 arbeitete der Pianist auch häufig mit Charles Lloyd (dokumentiert auf den Alben "Fish Out Of Water", "Notes From Big Sur", "The Call", "All My Relations" und "Canto") und Tomasz Stanko ("Matka Joanna", "Leosia" und "Litania") zusammen. In letzter Zeit konzentrierte sich Stenson vor allem auf sein eigenes Trio, mit dem er für ECM die Alben "Reflections", "War Orphans", "Serenity" (alle mit Anders Jormin und Jon Christensen) und "Goodbye" (mit Jormin und Paul Motian) einspielte. Zur Zeit ist Stenson auch Mitglied der norwegisch-schwedischen Band Parish, die letztes Jahr auf ECM ihr gleichnamiges Debütalbum herausbrachte. Paul Motian, der am 25. März seinen 75. Geburtstag feierte, schrieb als Schlagzeuger von genialen Pianisten wie Bill Evans, Paul Bley und Keith Jarrett natürlich Jazzgeschichte. Er hat im Laufe der Jahrzehnte auf unzähligen ECM-Alben von Künstlern wie Jarrett, Bley, Marilyn Crispell, Charlie Haden, Carla Bley, Pierre Favre und Bill Frisell mitgewirkt sowie neun Alben als Leader vorgelegt, zuletzt "Garden Of Eden" mit einem Ensemble, das aus der grandiosen Paul Motian Electric Bebop Band hervorgegangen ist. Gespielt hat er im Laufe seiner Karriere unter anderem auch mit Thelonious Monk, John Coltrane, Charles Lloyd, Zoot Sims, Lee Konitz, Martial Solal, Tony Scott und Masabumi Kikuchi. Mick Hutton, Jahrgang 1956, nahm sein erstes ECM-Album 1985 als Mitglied der Band First House an der Seite von Pianist Django Bates, Altsaxophonist Ken Stubbs und Drummer Martin France auf. 2001 war er an der Einspielung des ECM-Albums "Skirting The River Road" von Folksänger Robin Williams beteiligt. Darüber hinaus kennt man Hutton von Aufnahmen und Konzerten mit etwa John Surman oder Nigel Kennedy und weiteren Projekten Martin Speakes. Hutton gilt bei Kennern der Londoner Jazzszene als der beste Bassist seiner Generation, mußte aber vor einiger Zeit das Baßspielen wegen einer Verletzung seiner linken Hand drangeben. Seit drei Jahren konzentriert er sich deshalb in oftmals von ihm selbst geleiteten Bands darauf, Steel-Drums und Keyboards zu spielen. Aufgrund von Huttons Verletzung, die ihm derzeit noch nicht erlaubt Baß zu spielen, und Motians Rückzug vom Tournee-Business (er tritt nur noch in New York auf) bietet einem "Change Of Heart" - zumindest bis auf weiteres - die einzige Gelegenheit, dieses bemerkenswerte Quartett zu erleben. Das Album ist somit als einzigartiges Dokument der Band umso wertvoller.
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