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"A Long Story" ist das internationale Debütalbum der in Israel geborenen Pianistin Anat Fort, das sie gemeinsam mit drei exzeptionellen Improvisieren aufgenommen. Die Eröffnungsnummer "Just Now" - eine nahezu klassische Ballade, die zu einem modernen Jazzstandard werden könnte - zeigt gleich zu Beginn Forts erstaunliche kompositorische Begabung. Ihre Stücke gewähren ihren Mitspielern reichlich solistischen Spielraum; noch wichtiger: sie experimentieren analytisch mit verschiedenen Modellen musikalischer Interaktion im Ensemble. Die elegant geschnitzten Stücke ebnen mit ihren unverhohlen melodischen Konturen den Weg für abenteuerliche Improvisationen aller Beteiligten. Ganz besonders in Szene setzen kann sich der der altgediente Avantgarde-Klarinettist Perry Robinson, für den dieses Album ebenfalls sein ECM-Debüt ist.
Obwohl Anat Fort Bill Evans, Keith Jarrett und Paul Bley (und "viel von der Musik, die bei ECM erschienen ist") zu ihren Haupteinflüssen zählt, ist ihre Musik auf ebenso subtile und trotzdem unverkennbare Weise auch von ihrer geographischen Herkunft geprägt. Die 1970 in Tel Aviv geborene Künstlerin erhielt ab dem fünften Lebensjahr klassischen Klavierunterricht und begann schon früh sich auch für improvisierte Musik und den Jazz zu interessieren. Bereits in jungen Jahren schrieb sie eigene Stücke und absorbierte alle musikalischen Klänge, die sie umgaben. Mitte der 90er Jahre ging sie in die USA, um dort Jazz zu studieren. Erst besuchte sie einen Sommer-Workshop an der renommierten Eastman School of Music in Rochester/New York, danach schrieb sich für ein Jazzstudium an der William Paterson University in Wayne/New Jersey ein. Dort studierte sie Komposition und lernte bei Jazzgrößen wie dem Bassisten Rufus Reid, den Pianisten Harold Mabern und Norman Simmons sowie Gitarrist Vic Juris in verschiedenen Jazzstile zu spielen. Seit ein paar Jahren bewegt sie sich nun schon in den alternativen Jazzzirkeln New Yorks, genießt aber auch in ihrer Heimat einen exzellenten Ruf als Pianistin. Heute pendelt sie zwischen Israel und den USA hin und her. Vom Opernhaus in Tel Aviv erhielt sie zuletzt den Auftrag, neue Arrangements für fünf israelische Kompositionen zu schreiben. Die "lange Geschichte", auf die der Titel des Albums anspielt, ist mehr als nur eine Metapher für die manchmal gewundenen Pfade, die die Musik von der Vorstellung des Komponisten bis zum Ohr des Zuhörers zurückzulegen hat. Der Titel beschreibt eher ziemlich genau, auf welch verschlungenem Pfade dieses Quartett - und schließlich auch dieses Album - zustande kam. Anat Fort erzählt dies im Booklet der CD: "Ich glaube, es mußte einfach eine lange Geschichte sein: Sie begann, als ich Paul Motian das erste Mal auf einer Bill-Evans-Aufnahme hörte und von ihm völlig hingerissen war. Seitdem träumte ich davon, mit ihm zusammenzuspielen. Jahre später lernte ich Ed kennen, der Mitglied in einigen von Pauls Bands gewesen war, und begann die Zusammenarbeit mit ihm. Ungefähr zur selben Zeit traf ich zum ersten Mal auch Perry, und eines schönen Tages, wurde mir bewußt: Ich mußte eine Platte mit Paul machen, und ich konnte mir für uns keine besseren Partner als Ed und Perry vorstellen. Ich beschloß Nägel mit Köpfen zu machen und ihn zu fragen. Meine Anfrage mag seltsam gewesen sein, aber solche Dinge sind in der Jazzwelt ja nichts Neues. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Paul noch nie etwas von mir oder meiner Musik gehört, während ich das Gefühl hatte, daß er durch seine Musik seit Jahren einer meiner größsten Mentoren gewesen war." "Ed Schuller war es, der mich bat, an dieser Einspielung von Anat Forts Album teilzunehmen", erinnert sich Paul Motian. "Meine erste Reaktion war, dankend abzulehnen, da ich ihre Musik überhaupt nicht kannte. Doch Ed überredete mich dazu, bei den Sessions mitzuwirken, und ich war sehr angenehm überrascht, wie großartig ihre Musik war - Anats Musik hat stets eine Art nahöstliches Flair. Tatsächlich mochte ich ihre Musik dermaßen, daß ich Manfred Eicher ans Herz legte, dieses Album für ECM zu produzieren. Mir gefällt ungemein, wie sich dieses Album entwickelt hat." Paul Motian, der an zahlreichen Aufnahmen für ECM beteiligt war, wurde für sein letztes Album "Garden Of Eden" (ECM 1917) im November 2006 von der französischen Académie Charles Cros mit dem "Prix in honorem" bedacht. Motian gilt als einer der wichtigsten und einflußreichsten Schlagzeuger in der Geschichte des modernen Jazz - sein Zusammenspiel mit Bill Evans, Paul Bley und Keith Jarrett setzte neue Maßstäbe. Schon im Februar legt der 76jährige Schlagzeuger bei ECM ein neues Trio-Album mit Joe Lovano und Bill Frisell vor, das den Titel "Time And Time Again" tragen wird. Der 1938 geborene Perry Robinson verfügt über eine außergewöhnlich breitgefächerte musikalische Erfahrung. Er begleitete Carla Bley bei der Einspielung des Klassikers "Escalator Over The Hill", machte Aufnahmen mit Charlie Hadens Liberation Music Orchestra, Archie Shepp, Annette Peacock, Jeanne Lee und Ray Anderson, formierte mit dem Bassisten Henry Grimes eine eigene Band, löste Paul Desmond in der Gruppe von Dave Brubeck ab und arbeitete über viele Jahren hinweg immer wieder mit dem Göttinger Multiinstrumentalisten Gunter Hampel zusammen. Bassist Ed Schuller spielte 1981 auf dem Album "Psalm" (ECM 1222) das erste Mal mit Paul Motian zusammen. Einige Jahre lang war er auch Mitglied des Perry Robinson Quartet. Darüber hinaus machte er Aufnahmen mit Tim Berne, Jim Pepper, John Scofield, Tomasz Stanko, Joe Lovano, Mal Waldron, Eric Watson sowie Joe und Mat Maneri. Außerdem spielte der Sohn des Third-Stream-Komponisten Gunther Schuller in seiner eigenen Gruppe schon mit Musikern wie Joe Lovano, Billy Hart, Gary Valente sowie Bill Bickford und leitet mit seinem Schlagzeug spielenden Bruder George die Band Schulldogs. Im Februar wird Anat Fort mit ihrem Quartett einige Konzerte in Deutschland, der Schweiz und Österreich geben. Am 10. Februar spielt das Quartett im Berliner A-Trane, am 12. Februar im Wiener Porgy & Bess, am 13. Februar in der Münchner Unterfahrt, am 14. Februar im Karlstorbahnhof in Heidelberg und am 15. Februar schließlich im Züricher Moods. Danach geht es nach Paris und Israel. Bei all diesen Konzerten wird der aus Heidelberg stammende, aber seit fünfzehn Jahren in New York lebende Schlagzeuger Roland Schneider, der seit 1999 festes Mitglied von Anat Forts Trio ist, Paul Motian ersetzen, weil dieser bekanntlich seit einiger Zeit keine Tourneen mehr unternimmt. Wer die Originalbesetzung von "A Long Story" live erleben möchte, muß deshalb also schon selbst nach New York reisen, wo das Quartett für März ein Record-Release-Konzert plant.
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